Ein Indianer weint doch nicht

Ein Indianer weint doch nicht
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  • 978-3936084863
  • „Na, Moritz, dein Aufsatz ist aber diesmal kurz geraten“, sagte Herr Freitag und blieb neben meiner Bank stehen. „Das bin ich gar nicht gewohnt von dir. Was war los?“ Mir fiel nicht gleich ein, was ich darauf sagen sollte. Die Wahrheit? Dass das an seinem blöden Thema lag – „Meine Familie und ich“? Lieber nicht. Ich zuckte mit den Schultern. „Es gab nicht mehr zu schreiben; meine Familie ist nicht groß.“ Das war nicht gelogen. Genau gesagt waren wir nur zwei – Mama und ich. Gut, vielleicht sollte ich Großvater noch dazu zählen. Aber der düst in der ganzen Welt umher, und wir sehen ihn nur sehr selten. So richtig gehört er nicht zu uns. Herr Freitag gab mir mein Heft zurück. „Nun, für eine Eins hat es dieses Mal nicht gereicht. Ich habe dir eine Zwei gegeben. Übrigens: Was du über deine Mama geschrieben hast, hat mir gut gefallen. Man merkt, wie sehr du sie magst …“ Mein Banknachbar Kalle fiel ihm ins Wort. „Die muss man mögen, Herr Freitag, weil sie eine klasse Frau ist!“ Irina, die hinter mir saß, kicherte und wiederholte: „Seine Mama – eine klasse Frau? Das ist doch die, die in unserer ,Seeperle‘ die Zimmer putzt, oder? Und Familie? Der Moritz hat ja nicht mal einen Vater, über den er schreiben könnte …“ Ich spürte, wie ich rot wurde. „Na und?“, sagte ich ruhig. Aber unter uns gesagt: Ich war kein bisschen ruhig. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hätte Irina geschüttelt. Diese blöde Ziege! Was die sich immer einbildete, nur weil ihrem Vater ein Hotel gehörte! Die sollte sich mal lieber in der Schule etwas mehr anstrengen. Nicht mal richtig lesen konnte sie, und in den anderen Fächern war sie auch nicht gerade eine Leuchte. Da hörte ich Herrn Freitag sagen, dass Putzen doch eine sehr wichtige Arbeit sei. In einem Hotel müssten die Zimmer immer picobello sein, sonst blieben die Gäste aus, und das Hotel könne schließen. Ich atmete auf. Genau das sagte Mama auch immer. Ich wusste, dass sie ihre Arbeit mochte. Wirklich, was sollte schlecht daran sein, Hotelzimmer in Ordnung zu halten? Ich war froh, dass unser Klassenlehrer genau so darüber dachte. Naja, Herr Freitag war eben ein cooler Typ. Er war noch ziemlich neu an unserer Schule, aber wir waren uns einig, dass wir Glück mit ihm gehabt hatten. Wir mochten ihn, obwohl er ziemlich streng war. Trotzdem machte der Unterricht bei ihm Spaß, jedenfalls meistens. Wirklich, Herr Freitag war in Ordnung. Und auch die Zwei im Aufsatz war in Ordnung, was wollte ich mehr. In der großen Pause bot mir Kalle an, Irina zu verkloppen und zeigte mir seine Muskeln. Das wäre eine Kleinigkeit für ihn gewesen, denn er ist der stärkste Junge in unserer Klasse. Aber ich schüttelte den Kopf. „Lass man die blöde Ziege, Kalle. Gibt nur Ärger, du weißt doch, ihre Mutter rennt gleich zum Direktor …“ Trotzdem freute ich mich ein bisschen, dass Kalle das für mich machen wollte. Er ist eben ein richtiger Kumpel, ein Kumpel und mein bester Freund.
Für Moritz bricht eine Welt zusammen, als ein Mädchen der ganzen Klasse verkündet, dass seine... mehr
Produktinformationen "Ein Indianer weint doch nicht"

Für Moritz bricht eine Welt zusammen, als ein Mädchen der ganzen Klasse verkündet, dass seine alleinerziehende Mutter weder lesen noch schreiben kann. Er sieht nur einen Ausweg: wegzulaufen – nach Amerika, zu den Indianern.
Erst nach seiner abenteuerlichen Flucht, die zum Glück im Rostocker Hafen endet, erfährt der Junge die Geschichte seiner Mutter. Sie erzählt ihm, wie es sich in einer Welt ohne Buchstaben lebt, wie oft sie gezwungen ist zu schwindeln und sich Ausreden auszudenken, damit ja niemand etwas bemerkt. Und dass sie trotzdem immer Angst hat und ein schlechtes Gewissen.
Ist es wirklich so schwer, Lesen und Schreiben zu lernen? Moritz und sein Freund Kalle finden heraus, dass man Hilfe bekommen kann …
„Ein Indianer weint doch nicht“ – dieser Geschichte liegen gründliche Recherchen zugrunde sowie Erfahrungen von Betroffenen und Experten in Sachen Alphabetisierung – wie dem Bundesverband für Alphabetisierung und Grundwissen.
Neusten Informationen zufolge leben in Deutschland über 7 Millionen funktionelle Analphabeten. „Ein Indianer weint doch nicht“ – weder der Titel des Buches noch der Klappentext verraten, dass Analphabetismus das zentrale Thema dieser spannenden Geschichte ist.

Englische Broschur - 165 Seiten

e-book 9,99€

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