Das Augenkind

Das Augenkind
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  • 9783945175163
  • Das Haus seiner ersten Jahre war friedlich und warm. Das Augenkind verschanzte sich darin wie in einem glühenden Panzer aus Stein. Wir nennen es Augenkind, weil es vom Anbeginn seiner Tage mit den Augen lebte. Durch ein Fenster im obersten Stock blickte es auf die Wege und Mauern der Stadt, und alles, was es sah, bewahrte es in seinem Herzen. Über den Dächern spiegelten sich Sonne und Regen, Lachen und Weinen, Groß und Klein. Dem Augenkind gefiel das alles sehr, aber hinaus zu den Menschen wollte es dennoch nicht. Ein paar Mal hatte es den Versuch gewagt, aber seine Eltern übersahen dabei, dass es nichts als schauen wollte. Nach einiger Zeit weigerte es sich beharrlich, seinen Panzer wieder zu verlassen. Es stand am offenen Fenster und schaute und schaute. Nebenbei lauschte es auch, und es schnupperte und schmeckte in den Himmel hinein. Im Sommer schwitzte es hin und wieder, und manchmal, wenn die eisige Februarsonne schien, dann fror es sogar. Und auch all sein Hören und Riechen und Fühlen speicherte es mit den Augen, und es bewahrte alles in seinem Herzen. Dann schloss es das Fenster und wandte den Blick von außen nach innen. Geduldig beobachtete es, was dort geschah: Aus seinen Bildern und Sinnen fügte sich allmählich ein blauer Planet voller Anmut, und in seinen Träumen erstand aus dessen endlosem Meer eine kleine Insel, sanft wie Seide. Ihre Ruhe war wertvoller als alles Gold. Das Augenkind gewöhnte sich an diese Ruhe und machte sich ihr Untertan. Die Ruhe nahm von ihm Besitz und verließ es fortan nicht mehr. Ihre ewige Macht flimmerte unauslöschlich in seinen Augen, und sie lenkte seine Hände und bremste seine Schritte, auch einige Jahre später, als das Augenkind seinen Panzer schließlich doch hin und wieder verließ. Sie ließ es gleichgültig werden gegen fremde Härte, und sie schützte es vor allem Leid. Wenn das Augenkind nun so im Schatten von Mutter oder Vater durch die Stadt spazierte, dann schonte es seine Kräfte nicht. Die fünfjährigen Augen sogen jedes Detail auf, und es bewahrte alles in seinem Herzen: Den riesenhaften Ahornbaum… Den sonnengewölbten Asphalt… Die anmutige Falttür der Straßenbahn… Das Augenkind schaute und fühlte bis zur Erschöpfung. Und so berührte es mit seinen Händen lieber keinen Stein, und auch kein Blatt und keinen Menschen ließ es an sich heran. Es wäre ihm zu viel geworden, denn auch mit den Augen allein erspürte es auf den Straßen und Plätzen großen Schmerz und blinde Wut. Beides erschien ihm sinnlos, und beides ließ es frösteln. Aber das Augenkind sorgte sich nicht. Es wusste, dass es bald wieder zu Hause sein würde. Durch sein Fenster, in seinen Panzer, drang die Verzweiflung nie. Bei sich selbst und für sich allein, wandte das Augenkind den Blick wieder von außen nach innen. Gemessenen Schrittes erwanderte es seinen Planeten und schmückte ihn mit all den erspähten Wundern der Welt. Es bevölkerte ihn mit der Liebe der Menschen und mit der Reinheit der Natur. Sanftmut und Freude breiteten sich ungehindert aus wie Düfte im Frühling. Nirgends schallte ein böses Wort; weder Grollen noch Klagen schafften es von den Wegen und Mauern der Stadt bis hierher.
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Produktinformationen "Das Augenkind"

Durch ein Fenster im obersten Stock blickte das Augenkind auf die Wege und Mauern der Stadt, und alles, was es sah, bewahrte es in seinem Herzen. Über den Dächern spiegelten sich Sonne und Regen, Lachen und Weinen, Groß und Klein. Dem Augenkind gefiel das alle sehr, aber hinaus zu den Menschen wollte es dennoch nicht. Es langweilte sich nie, aber manchmal hatte es ein bisschen Angst, ohne sich je richtig zu fürchten. Alles wiederholte und erneuerte sich gleich den Jahreszeiten, und die Ewigkeit war greifbar wie Erde und Wasser.
Eine poetische Parabel vom Anderssein und von der inneren Verweigerung, die verstörende Fragen aufwirft und auf eindeutige Antworten verzichtet – mal abgesehen von einer denkwürdigen „Evolutionstheorie“ und von der ebenso gottergebenen wie egozentrischen Überzeugung des Augenkindes, sein persönliches Schicksal jederzeit in einen spirituellen Sinnzusammenhang einordnen zu können.

Paperback - 200 Seiten

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