Schulnovellen

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  • 9783945175323
  • Als ich in die 6. Klasse ging, hatten meine Eltern noch große Pläne mit mir… Damals war eine Zwei die Mindestnote, die von mir erwartet wurde… Ein Jahr später war das schon etwas anders, zumindest nach dem Belohnungssystem zu urteilen, das sie im 7. Schuljahr einführten… Demnach bekam ich für jede Eins fünf Mark und für jede Zwei immerhin noch zwei Mark fünfzig… Eine Drei wurde nun offensichtlich neutral gehandhabt, denn es folgten darauf keinerlei finanzielle Transaktionen… Für eine Vier musste ich zwei Mark fünfzig Strafe bezahlen, und für eine Fünf konsequenterweise den doppelten Betrag… Als kleine Pointe am Rande sollte ich für eine Sechs eine Mark Trostgeld bekommen… Ich habe trotzdem darauf verzichtet, im Laufe von Klassenarbeiten aus ökonomischen Gründen eine Sechs anzustreben, sobald ich merkte, dass eine Zwei nicht zu erreichen war… Im 8. Schuljahr wurde dieses Belohnungssystem dann wieder abgeschafft, als klar geworden war, dass ich mich andernfalls hoffnungslos bei meinen Eltern verschulden würde… Und dass ich mich von solchen plumpen Erziehungsmaßnahmen ohnehin nicht beeindrucken ließ… Aber jetzt will ich dir ja von der 6. Klasse erzählen, als ich elf Jahre alt war und als meine Eltern noch mit Einsen und Zweien rechneten… Ich werde nie verstehen, wie besessen sie gerade in dieser Zeit von meinen Noten waren… Das passte irgendwie gar nicht zu ihnen… Deine Großmutter war immer schon liebevoll, poetisch und zärtlich, und dein Großvater war ein weiser, sanftmütiger Lotse, der mir auf der Kommandobrücke meines Lebens die Hand auf die Schulter legte und mir gutmütig das Steuer überließ… Aber was die beiden für ein Theater um die Noten veranstalteten, war unglaublich… Sie fieberten ihnen entgegen wie ich den Bundesligaspielen meines Lieblingsvereins… Am Vorabend wurde schon aufgeregt spekuliert, ob wir am nächsten Tag wohl diese oder jene Klassenarbeit zurückbekommen würden, und wenn ich dann von der Schule nach Hause kam, stand auffällig oft das Küchenfenster offen, wahrscheinlich, damit ich schon aus dem Vorgarten meiner Mutter entgegenrufen konnte, was denn nun Sache ist… Wenn ich einen Bruder oder eine Schwester gehabt hätte, wäre das erträglicher gewesen, denn Auf-merksamkeit, Lob und Tadel hätten sich auf vier Schultern verteilt… Aber ich war ein Einzelkind, so wie du, mein Sohn, und ganz alleine diesem albernen Verhalten ausgesetzt zu sein, empfand ich zunehmend als lästig… Ich hatte keine Angst vor meinen Eltern – wirklich nicht –, aber ich verstand sie einfach nicht… Ich wollte nicht ständig über Noten reden oder über das Gefühl, das ich nach einer Klassenarbeit hatte… Das machte für mich einfach keinen Sinn… Insgeheim fing ich, glaube ich, sogar ein kleines bisschen an, meine Eltern dafür zu verachten… Ihnen muss anscheinend sehr langweilig gewesen sein, wenn sie sich mit solchen Nichtigkeiten beschäftigten… Klar, die schweren Nachkriegsjahre waren vorbei, als die Menschen noch nicht so viel Zeit für ihre Kinder hatten… Inzwischen waren Wohlstand und Freizeit enorm angestiegen… Auch meine Eltern hatten die existenziellen Fragen längst gelöst… Da konnte man sich in aller Ruhe mit Skurrilitäten beschäftigen… Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Nachkriegskind gewesen… Die Geschichte, um die es hier geht, begann mit zwei Dreien hintereinander im Fach Mathematik… Die Note Drei war damals ja noch keine neutrale Note, sondern Anlass zu Betrübnis und sanfter Ermahnung… Aber mein Vater dachte auch gleich strategisch... Er erklärte mir ausführlich, dass mein Misserfolg hinsichtlich der Zeugnisnote gar nicht so dramatisch sei, denn es stünden in diesem Halbjahr ja noch zwei weitere Klassenarbeiten aus… Da müsse ich jetzt gar nicht unbedingt Einsen erreichen… Wenn ich in diesen beiden Arbeiten jeweils eine Zwei schreiben würde, dann könne ich sicher auch mit einer Zwei im Zeugnis rechnen, wegen der Leistungssteigerung im Verlauf des Halbjahres... Im umgekehrten Fall, wenn also Dreien auf Zweien folgten, wäre trotz des identischen Durchschnitts vielleicht der Leistungsabfall maßgebend… Und so weiter und so weiter… Ich konnte es nicht mehr hören…
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