Meine Oma Olga

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  • 9783945175361
  • So gab es im Ausgehviertel meiner Heimatstadt früher einen Imbiss, der „YUGO Pizza“ hieß, und obwohl dieser beileibe keinen besonders guten Ruf hatte, bestand ich damals immer darauf, dort meinen abendlichen Snack zu mir zu nehmen, wenn ich mit meinen Freunden unterwegs war. Der Mazedonier, der dort meistens hinter der Theke stand, verkörperte für mich sinnbildlich und übersteigert die erhabene Trägheit, die ich bei seinen Landsleuten häufig beobachtete und die auf mich fast zaubergleich besänftigend wirkte. Es schien mir, als würde dieser Mensch überhaupt nicht denken, als wäre sein Kopf vollkommen leer. Immer, wenn er nicht anderweitig beschäftigt war, starrte er auf den kleinen Fernseher, der unter der Decke angebracht war und der grundsätzlich ohne Ton lief. Sobald er meine Pizza zubereitet und in den Ofen geschoben hatte, blickte er wieder hinauf, und seine Augen blieben auf dem Bildschirm kleben, egal was dort gerade lief – Nachrichten, Musikvideos, Werbung, Sport… Aber es war ein seltsames Schauen, so als ob es sein Bewusstsein gar nicht erreichen würde. Oder, fast kontemplativ, als ob das reine Schauen für ihn schon Bewusstsein wäre… Einmal lief auf dem Fernseher ein Radrennen, und unten auf dem Bildschirm war das Logo des schweizerischen Uhrenherstellers „Tissot“ eingeblendet. Ich war mit dem Pizzabäcker allein in seinem kleinen Laden, und gemeinsam blickten wir apathisch auf die stummen Radfahrer. In mir breitete sich ein unbändiges Gemeinschaftsgefühl aus. Mein Kopf schwankte benommen; unaufhörlich liefen mir Schauer über den Rücken. Und dann sagte der Pizzabäcker aus heiterem Himmel: „Tissot“. Nichts anderes, nur: „Tissot“. (Er sprach das Wort hart und mit „t“ am Ende, so wie „bigott“.) Aber er sagte es nicht zu mir und irgendwie auch nicht zu sich selbst; er sprach einfach das Wort aus, das da stand, und ich hätte ihn umarmen können für so viel heilige Schlichtheit. So ähnlich war auch meine Großmutter, aber es wurde mir erst richtig bewusst, nachdem der Pizzabäcker „Tissot“ gesagt hatte. Da erinnerte ich mich zum Beispiel an einen Abend bei Olga vor dem Fernseher. Damals muss ich um die zehn Jahre alt gewesen sein. Es gab in jener Zeit nur drei Kanäle, und meine Oma und ich probierten hin und her, welche der drei laufenden Sendungen für uns am ehesten in Frage kommen könnte. Als wir sahen, dass im ersten Programm „Magnum“ lief, waren wir uns ohne Worte einig, dass wir bei diesem Sender bleiben würden. Olga lehnte sich wieder nach hinten und sagte nur leise: „Meg“. Nichts weiter, nur die erste Silbe des Titelhelden. So war sie irgendwie immer. Die meisten Jugoslawen erzählen gerne, träge und selbstsicher, aber Olga verlor nicht viele Worte. Reden war für sie kein Selbstzweck; Sprache diente nur zur minimalen Verständigung über die wesentlichen Fragen: „Noch?“, wenn sie wissen wollte, ob ich beim Essen einen Nachschlag wünschte; „Markt“, wenn sie sich anschickte, die Einkäufe zu erledigen; „Schlafen“, wenn es Zeit war ins Bett zu gehen.
In behutsamen, fast zärtlich anmutenden Reflexionen versucht der Erzähler, sich der Biographie... mehr
Produktinformationen "Meine Oma Olga"

In behutsamen, fast zärtlich anmutenden Reflexionen versucht der Erzähler, sich der Biographie seiner jugoslawischen Großmutter anzunähern, deren Leben einsam und tragisch war, aber gleichzeitig von einer geheimnisvollen Ruhe und einer geradezu kontemplativen Weisheit erfüllt gewesen zu sein schien. Der Enkel beschreibt die verschiedenen Stationen dieses Lebens – die elternlose Kindheit, das kurze, aber rauschhafte Glück nach der frühen Heirat, die Jahre als alleinerziehende Mutter, die Emigration nach Deutschland und die völlige Tatenlosigkeit im Alter – und er entdeckt Prägungen durch seine Großmutter und Gemeinsamkeiten mit ihr, die ihm bis jetzt verborgen geblieben waren. Durch die tiefe Traurigkeit dieses poetischen Klagegesangs schimmert immer wieder auch stille Freude – über die eigentümliche Unerschütterlichkeit der Großmutter genauso wie über die stetig zunehmende Gewissheit, in dem besonderen Verhältnis zu ihr sowohl Sinn als auch Vorbestimmung offenlegen zu können. Dieses Buch setzt inhaltlich und kompositorisch die „Bobo“-Erzählungen des Autors fort und fügt sich mit ihnen zu einem gemeinsamen Erinnerungsgeflecht zusammen.

Paperback - 136 Seiten

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