Mein Onkel Bobo

Mein Onkel Bobo
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  • 9783945175309
  • Meine Erinnerungen an das Jugoslawien in den Jahren nach Titos Tod sind dominiert von überbordenden Sinneseindrücken, die sich jenseits von Worten und Gefühlen ins Bewusstsein drängen. Heute jedoch kann ich dort kaum noch jene Ursprünglichkeit des Seins wiederfinden, die mir damals so beruhigend und harmonisch erschien, als wären auch die von Menschenhand geschaffenen oder veränderten Bilder, Töne und Gerüche so natürlich wie die vier Elemente um sie herum. Was gab es da an einem einzigen Sommerabend alles zu bestaunen… Für die Augen: eine holprige Landstraße, auf der schiefliegende Autos in unglaublichem Tempo durch ein breites Tal brettern; rechts ein kleiner Fluss; dahinter eine bewaldete Hügelkette; links Wiesen und Felder; einige vereinzelte Gehöfte dazwischen; in der Mitte einer langgezogenen leichten Steigung ein geparkter Lastwagen des einheimischen Herstellers FAP, auf dessen Ladefläche Wassermelonen feilgeboten werden; davor der Anbieter in einem Klappstuhl, mit einer Zeitung in den Händen; Onkel Bobo neben mir am Steuer, der nun am Straßenrand hält, um eine Melone zu kaufen (auch ich steige aus, um mir die Beine zu vertreten); ein uraltes Großmütterchen mit lederner Haut und Warzen im Gesicht, die so groß erscheinen wie Erdbeeren, hockt auf einer Decke hinter ihren Weintrauben und döst… Die Szenerie wird überstrahlt von einer gnadenlosen Sonne, die die mannshohen Gräser am Straßenrand hat gelb werden lassen. Ein leichter Wind weht die staubige Erde über den Asphalt. Etwas weiter hinten erahnt das Auge einen Zeitungskiosk und einen notdürftig zusammengezimmerten Verkaufsstand für Grillfleisch, über dem weißer Rauch aufsteigt. Daneben in einer Wellblechhütte scheint sich wohl eine Art Fernfahrerkneipe zu befinden. Hinter der Anhöhe muss dann endlich die ausgeschilderte Tankstelle liegen. Für die Ohren: die Volkslieder, die aus besagter Wellblechhütte herüberdringen, jetzt gerade wild und überschwänglich, von Blasinstrumenten gespielt, in anderen Momenten sicher auch schwermütig zum Akkordeon; die Stimmen der Menschen rund um diese improvisierte Raststätte, allesamt laut, fast schreiend, ohne dass Anspannung oder Streit in der Luft liegen würden; das Knattern der altersschwachen Motoren; Kindergeschrei vom Fußballplatz im Hintergrund… Als die Musik dann abrupt abbricht, dominiert plötzlich das Bellen der Hunde und das Zirpen der Grillen in den Wiesen, und sogar das Gelenk von Bobos Zeigefinger ist zu hören, wie es gegen die Wassermelonen klopft, weil er überzeugt davon ist, anhand dieses Geräusches den Grad der Saftigkeit bestimmen zu können. Für die Nase: der Schweiß des Melonenverkäufers, ländlich und deshalb nicht unangenehm oder gar bedrohlich anmutend wie im Moloch der Großstadt; die vertrockneten Gräser links und rechts; das Grillfleisch und der Rauch darüber; der Müll, der überall am Straßenrand entsorgt wird: Berge von Papier und Pappe und verfaultem Gemüse und Knochen und Gräten – der Ewigkeit zum ehrenden Hohn. Vor allem aber: Das Benzin, das überall in der Luft liegt, weil die altersschwachen Motoren es nicht dezenter verbrennen können.
Im Mittelpunkt dieser vielschichtig verwobenen Kindheits- und Jugenderinnerungen steht ein... mehr
Produktinformationen "Mein Onkel Bobo"

Im Mittelpunkt dieser vielschichtig verwobenen Kindheits- und Jugenderinnerungen steht ein Mensch, der für den Erzähler prägende Bezugsperson und heimliches Rollenvorbild war: der geliebte jugoslawische Onkel Bobo, Flaneur und Lebemann, Melancholiker und Frauenheld, von dem eine eigentümliche Faszination ausging, die auch die anderen Menschen um ihn herum in ihren Bann zog.
Aber dieses Buch schildert nicht nur in poetischen Worten das besondere Verhältnis des Erzählers zu seinem Onkel. Es ist gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an ein verschwundenes Land und an eine vergangene Epoche, die uns heute noch viel weiter weg zu sein scheint, als sie es tatsächlich ist.
In unseren Breitengraden neigt man nicht dazu, den untergegangenen sozialistischen Vielvölkerstaaten im Osten und Südosten Europas nachzutrauern, und so ist diese Textsammlung nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Fallstudie, die uns erahnen lässt: Kein Bild, das wir uns von fremden Welten machen, muss zutreffen; hinter jeder unansehnlichen Fassade können sich Wunder verbergen, die aus der Ferne nicht zu erkennen sind.

Paperback - 127 Seiten

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